WASSERRILLEN UND KUEHE

24. November 2014

Pedra Riscada

”In Brasilien regnet es nie zu dieser Jahreszeit!“ Und dann hat es geschüttet wie aus Kübeln. Aber der Reihe nach. Inmitten der hügligen Landschaft von Brasiliens Osten dominiert ein riesiger Granitmonolith die Umgebung um das kleine Dorf Sao Jose do Divino. Die Pedra Riscada - wie der Monolith heisst - gilt als der grösste Felskoloss dieser Art in ganz Südamerika. Senkrechte Wasserrillen von einem Dutzend Meter Durchmesser ragen an strukturarmen Felswänden über 1 200 m in den Himmel. Gemäss den Worten des Profikletterers Stefan Glowacz, dem 2009 an eben diesem Berg die Erstbegehung der Route ”Place of Happiness “ gelang, sind ”die Felsbollwerke von Minas Gerais in der westlichen Kletterszene nahezu völlig unbekannt und durch ihre Kompaktheit, .., extrem schwierig zu erschliessen“.

Im Sommer 2014 machen wir uns also neugierig auf den Weg, um an der Pedra Riscada eine neue Route erst zu begehen.

Vorbereitung

Die meisten aus unserer Sechsergruppe haben wenig oder gar keine Erfahrung im Erschliessen von Kletterrouten und im Umgang mit einem Bohrhammer. Dennoch wollen wir die Seillängen im klassischen Stil von unten einbohren. Dazu bilden wir drei Zweierteams: Ein erstes Team wu ̈rde die Route in der Wand vorantreiben und am Abend in der Dunkelheit abseilen. Ein zweites Team befände sich am selben Tag bereits im Aufstieg ans Routenende, wo es die Nacht im Portaledge verbrächte, um die Route am nächsten Tag ausgeruht und ohne Zeitverlust weiterzuführen. Team drei würde indessen im Basecamp einen Ruhetag geniessen. So unser Plan. Bohrhaken setzen, Portaledge in der Wand aufbauen und das hieven des Haulbags können wir nur in minimalem Ausmass in der Schweiz trainieren. Begeisterung und Unerschrockenheit müssen deshalb anstelle von Erfahrung treten. Bei aller Abenteuerbereitschaft ist uns jedoch von Anfang an bewusst, dass wir einen Unfall in der Wand um alles in der Welt vermeiden mu ̈ssen. Hilfe von Aussen ist in 1 dieser entlegenen Ecke der Erde nicht zu erwarten. Wir trainieren deshalb minutiöse Bergungen aus der Wand für alle erdenklichen Situation, in welchen trotz allem dennoch etwas schief gehen könnte.

Am 16. Juli 2014 checken wir schliesslich mit 240kg Material in Zürich ein mit Destination Belo Horizonte, wo wir nach einem Zwischenstopp in Lissabon und insgesamt 12 Flugstunden landen. Gleich am Flughafen nehmen wir unsere zwei kleinen Mietwagen in Empfang und kaum losgefahren ist es schon finster. In Äquatornähe gibt es so gut wie keine Dämmerung. Die Fahrt bis Sao Jose do Divino über 470 km gute Landstrassen dauert um die 7 h. Essen kann man in einer der zahlreichen Raststätten auf dem Weg dorthin; das Essen ist sehr gut. Weder verstehen wir die Einwohner noch sie uns. Trotzdem sind alle freundlich. Mu ̈de von Flug und Fahrt suchen wir auf halber Wegstrecke eine U ̈bernachtungsmo ̈glichkeit. Die Motels am Weg tragen einladende Namen wie ”Free Love“ und ”Extasy“ und sind Etablissements, die wir bei uns nicht als Motels bezeichnen würden.

Wir schlafen trotzdem gut und fahren am nächsten Tag erholt weiter. LKWs, LKWs und nochmals LKWs. Ueberholt wird vor Kurven, über die Doppellinie und bei eingeschränkter Sicht. Gott muss ein Brasilianer sein. Nach Sa ̃o Jos ́e do Divino fahren wir zwischen Kuhweiden über eine 30km lange Staubpiste und erreichen endlich unser Basecamp am Ende der Welt. Dort werden wir herzlich von Edi empfangen, dem selbsternannten Kletterbeauftragten von S ̃ao Jos ́e do Divino. Das von ihm und im Auftrag der Stadt gebaute Haus darf von Kletterern der ganzen Welt genutzt werden. Die Unterkunft ist ideal als Ausgangspunkt fu ̈r eine Begehung einer der Routen an der Pedra Riscada und zudem wunderscho ̈n gelegen.

Route

Die Pedra Riscada ist von keiner Seite leicht zu besteigen, das war uns schon zu Beginn bewusst. Mit Feldstechern ausgeru ̈stet versuchen wir eine geeignete Linie fu ̈r unsere Erstbegehung zu finden. Die favorisierte Route u ̈ber den Vorbau der Westwand steht wegen der quälenden Sonneneinstrahlung plötzlich in Frage, dies leider erst, nachdem wir uns schon durch Mückenschwärme und dichten Dschungel seitlich auf den Vorbau gekämpft haben. Favoritin ist nun eine mögliche Linie in der Südwand. Mit Kletter- und Bohrmaterial machen wir uns auf den Weg dort- hin. Noch sind einige Fragen offen: Ist der Wandfuss kletterbar? Gelingt es uns die Dachpassage etwa in der Mitte der Südwand zu bezwingen? Werden wir es überhaupt jemals zum Wandfuss schaffen? Der Dschungel ist dicht und ursprünglich und trotz der vielen Termitennestern, Lianen und des dichten Unterholzes stehen wir schliesslich dreckig, zerkratzt und zerstochen vor dem potentiellen Einstieg. Die Wand, sie verschwindet im Waldboden wie ein eingerammter Spaten, scheint im unteren Bereich mit einer du ̈nnen Algen- und Flechtenschicht bedeckt zu sein. Peter ist skeptisch, ob die Einstiegslängen möglich sind. Fabio behauptet von einem

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Baumwipfel aus, gute Strukturen zu erkennen. Doch da er auch behauptet, dass sich Affen in der Wand austoben, bleibt Peter vorerst zurückhaltend. Wir wagen einen ersten Versuch und schon bald wird klar: Es geht! Erleichterung überkommt uns. Wir werden heute klettern und den Affen Gesellschaft leisten.

Der Tag, an dem der Regen kam

Während der ersten Klettertage kommen wir gut voran. 150 m reine Kletterlänge liegen täglich drin. In den ersten zwei Seillängen bewegen wir uns in schwarzem, senkrechtem Fels mit Leisten und Absa ̈tzen. Danach flacht die Wand etwas ab und bietet eine scho ̈ne Plattenkletterei, welche vor dem dominanten Dach allma ̈hlich an Steilheit gewinnt. Der durchwegs fein strukturierte Fels ist einzigartig zu klettern. Unzählige Nuggets und Crimps bieten schönen Halt und Tritt, doch einige davon brechen schon bei der kleinsten Belastung aus. Die Erstbegehung der Seilla ̈ngen ist deshalb psychisch anspruchsvoll und die Erst-Kletterei gleicht oft einem Tanz auf Eiern. Wir nennen es ”brasilianisches Roulette“. Nach mehrmaligem Durchklet- tern sind allerdings nur noch die festen Griffe vorhanden und unsere Freude an den schönen Seillängen wird immer grösser. Eine 8 m lange, steile Platte mit Schuppen führt weiter zu einem Dach in gelbem Fels mit guten Leisten. Die Schlüsselstelle (7b) ist eine 5m lange Linkstraverse, vom Ausstieg aus dem Dach hin zu einer tiefen und 2 m breiten Wasserrille. Mit grosser Spannung verfolgen wir vom Boden aus die Bohrfortschritte von Peter und Francesca in dieser Schlu ̈sselseilla ̈nge.

”Wa ̈hrend eines Ruhetages lernen Peter, Edi und ich (Francesca) einen Bauern aus der Umgebung kennen. Er ist sehr an der Beschaffenheit der Pedra Riscada interessiert und bittet uns, ihm eine grosse Taschenlampe zu schicken. Edi erkla ̈rt uns spa ̈ter, dass man in dieser Gegend glaube, der Monolith sei hohl und in seinem Inneren verberge sich ein Schatz. Schöner Gedanke!“

Im Verlauf der dritten Nacht in der Wand wechselt das Wetter. In Minuten- abständen schütteln Sturmböen den regengetränkten Zeltstoff des Portaledge und ein feiner Sprühregen verteilt sich über unsere Gesichter. Schlafen ist unter solchen Umständen schwierig. Wieso es zu dieser Jahreszeit in Minas Gerais regnet, weiss auch später im Dorf niemand zu beantworten. Am Morgen klart das Wetter etwas auf und allmählich trocknet der Fels am Routenende. Die erste Seillänge am Wandfuss allerdings bleibt an diesem Tag lange nass und birgt für das aufsteigende Team eine Überraschung. Die Einstiegslänge, bei trockenen Verhältnissen eine wahre Genusskletterei, verwandelt sich nach Regen in einen gru ̈nen Albtraum.

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Null Halt bietet der nun leuchtend gru ̈ne U ̈berzug aus Algen und Flechten. In den nächsten drei Tagen bleibt es dann doch mehrheitlich trocken und die Route gewinnt an Höhe. Seillängen 8 - 12 verlaufen manchmal innerhalb und manchmal ausserhalb der Wasserrillen. In der Seillänge 13 erwartet uns in steilem Gelände ein betona ̈hnlicher Wulst, welchen man mit einer athletischen Boulderkombination und abschliessendem Dynamo gewinnt (7a+).

Es scheint, als wa ̈re die vergangene Sturmnacht nur ein Vorbote des drohenden Wetterumschwungs gewesen. Nach einer weiteren regnerischen Nacht verschlechtert sich das Wetter zusehends und ein Weiterkommen scheint utopisch. Ann-Karin und ich (Tommy) hängen wieder einmal an einem Stand und warten einen Regenschauer ab um danach vielleicht trotzdem noch weiter zu kommen. 400m weiter unten weiden die Ku ̈he das spärliche dürre Gras und wir denken: ”Ferien wären auch mal wieder schön!“ Im Moment geht aber nichts mehr. Man kann es drehen und wenden wie man will, wenn es hier regnet, ist Klettern unmöglich. Nach acht Tagen in der Wand entscheiden wir uns, abzubrechen. Wir schätzen, dass wir vier Fünftel der Route eingerichtet haben. Das Aus scheint uns besonders bitter. Im Dauerregen muss das ganze Material aus der Wand geschafft und abgeseilt werden, wobei der Haulbag mit jeder Seilla ̈nge etwas an Gewicht zulegt. Claudia befindet sich am Stand zu Beginn der grossen Wasserrille, als sie ein Rauschen vernimmt. Innerhalb von Sekunden verwandelt sich die Rille in einen Sturzbach, einer Klospülung nicht unähnlich, und Claudia wird aus der Wand in ihre Selbstsicherung gerissen. Nichts wie runter! Die Abseilaktion zieht sich weit in die Dunkelheit hinein. Wir am Boden sind froh, als wir plötzlich die Stirnlampen von Claudia und Fabio im Dunkeln aufblitzen sehen. In etwa der Hälfte der Seillängen haben wir in den Tagen zuvor Fixseile verlegt. Diese bleiben vorerst dort. Wer weiss?

Total Go

Es ist Sonntag und am Donnerstag werden wir von Belo Horizonte, das eine Tagesfahrt von uns entfernt liegt, zurück in die Schweiz fliegen. Das Wetter ist wei- terhin schlecht. Am Montag machen wir einen Ausflug mit Edi. Der Regenradar zeigt, dass sich die Schlechtwetterfront schneller verzieht als prognostiziert. Wir bräuchten nur noch einen einzigen trockenen Tag und der Gipfel der Pedra Riscada wäre in Griffnähe! Nach kurzer Diskussion planen wir die Aktion ’Total Go!’ für den Dienstag: Peter und Fabio steigen morgens um 3 Uhr in die Wand ein. Mit leichter Ausrüstung, Bohrhammer und gerade ausreichend Haken. Sie klettern zum Routenende mit dem Ziel: Beendigung der Unvollendeten. Die zwei anderen Teams klettern bei Tagesanbruch los und stossen gegen Abend zum Bohrteam, welches hoffentlich den Gipfel erreicht hat. Es zeigt sich, Seilla ̈ngen 14 - 17 sind steil, kompakt und ausdauernd. Hier oben enden die Wasserrillen und die Wand neigt sich schlussendlich zurück, um den Weg für die 18. und letzte Seillänge zwi-

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schen die Büsche des Gipfels frei zu geben. Um 17 Uhr stehen alle gemeinsam und überglücklich auf dem Gipfel der Pedra Riscada.

Material

60 m Doppelseil, 17 Expressschlingen, Moskitospray am Einstieg, Friends und Keile ko ̈nnen nicht verwendet werden. Die Route ist alpin mit insgesamt 240 BH abgesichert. Stände sind verbunden und zum Abseilen eingerichtet.

Anreise, Kosten und Kontakte

Flug nach Belo Horizonte mit TAP Portugal 1500 CHF, Kleinwagen Miete ab Flughafen 480 CHF, Weiterfahrt u ̈ber Jo ̃ao Monlevado → Ipatinga → Governador Valdares → Sa ̃o Jos ́e do Divino (7 h), Unterkunft (ca. 7 CHF / Person / Nacht) Recanto Pedra Riscada (Fahrzeit bis Route 30 min. plus Zustieg 40 min., Fahr- zeit bis Sa ̃o Jos ́e do Divino 30 min.), Kochmöglichkeiten in der Unterkunft und Einkaufen in S ̃ao Jos ́e do Divino, lokaler Kontakt: Edimilson (Edi) Duarte +55 33 3582-1121, Info unter: recantopedrariscadamg.blogspot.ch und alpinerealm.com, Interessenten fu ̈r gefu ̈hrte Begehung nehmen bitte Kontakt auf mit Peter Keller: info@attactive.ch

Kletterteam

Peter Keller, info@attactive.ch
Francesca Walther, frwalther@gmail.com
Claudia Calderone, Claudia.Calderone@gmx.ch Fabio Lupo, fabio.lupo@kletterwelt.ch
Ann-Karin S ́anchez, annkarin.sanchez@gmail.com Thomas Michlmayr, michlmayr@phys.ethz.ch

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“Big Magic Mamma”

Pedra Riscada South Face Brasil, 930m /